Berlin - Usedom mit dem Rad

Meine erste Radtour nach Usedom war von einigen Problemen geprägt.

Meine erste Radtour von Berlin nach Usedom

Motiviert durch einen häufig radreisenden Kollegen ging ich an die Planung meiner ersten mehrtägigen Radtour. Ich konnte nicht wissen, was mir bevorstand...

Als Einstieg erschien mir die Route Berlin-Usedom ideal. Den Teil vom Brandenburger Tor zur Stadtgrenze habe ich mir erspart, da ich diesen fast jeden Tag als Teil meines Arbeitsweges mit dem Fahrrad bestreite und eher stressig empfinde.

Zur Vorbereitung habe ich mein Fahrrad bis zum letzen Kugellager auseinandergenommen und gepflegt.
Es war ncht einfach, sich bei der Auswahl von Werkzeug, Kleidung und Verpflegung so einzuschränken, dass nicht zuviel Gewicht und Packmaß zusammenkommt. Ich bin jemand, der gerne für alle Fälle gerüstet ist - nach dieser Tour sogar noch mehr - doch davon später mehr.

Die Route war mit einer Beschreibung des Radwanderweges auf Kartenmaterial und mittels Komoot schnell geplant und auf den Radcomputer übertragen. Auch die Hotelübernachtungen waren online schnell gebucht. Hier hatte ich den Planungsaufwand überschätzt, das ging wirklich ruck-zuck und einfach.

An einem schönen Sommertag verabschiedete mich meine Familie und ich war auch etwas aufgeregt, was auf mich zukommt. Schnell merkte ich das ich das zusätzliche Gewicht am Rad, das besonders bei Steigungen einen deutlich höheren Aufwan bedeutede. Da ich die Monate zuvor jeden Tag knapp 40 Km mit dem Fahrrad auf dem Arbeitsweg pendelte, konnte ich die ersten Bedenken hinsichtlich Kraft und Kondition ausblenden. Als Erfahrungswert habe mitgenommen, dass man keinesfallf komplett untrainiert starten sollte.

Schnell war der lärmende Teil Berlins verlassen und schon auf dem Radweg entlang der Panke stellte sich die Begeisterung über gute Wege und schöne Natur ein.
Pankeradweg

Hinter Bernau, welches durch die interessante Streckenführung an der Stadtmauer entlang sehr kurzweilig war, bin ich in der Natur pur angekommen. Der Weg durch das NSG Biesenthaler Becken war von wunderschönen Eindrücken geprägt. Wenig Menschen, keine Autos, perfekte Wege; so konnte es weitergehen!

Und das tat es:
Durch Wiesen, Wälder, Feuchtbiotope und an Kanälen entlag führte der Weg nur mit gelegentlichen Berührungspunkten zur Zivilisation zum Werbellinsee.

Ich wusste, von hier war es nicht mehr weit zur ersten Unterkunft. Die letzten Kilometer, entlang dem Werbellinsee, den ich gut von Tauchen kenne, waren von herausforderungsvollen Steigungen und rasanten Abfahrten geprägt.

Nach knapp 72Km kam ich in meiner Unterkunft am Grimnitzsee an und war froh aus dem Sattel zu sein. Der erste Tag meiner Tour war anstrengend, aber ich konnte jetzt meine schöne Eindrücke auf einer Sonnenliege auf dem Steg Revue passieren lassen und mich etwas entspannen.
Sonnenliegen auf dem Steg
In einem nahen Restaurant waren die Tische im Außenbereich recht voll, so dass ich mich zu einem Vater-Tochter-Gespann setzte, dass mir von ihrer Wanderung von Berlin zum Wolletzsee - auch über mehrere Etappen erzählten.

Den Sonnenuntergang genoss ich am See, schwamm noch etwas - ein guter Ausgleich zum Tag auf dem Rad - und ließ die Seele baumeln. Selten habe ich mich so erholt und entspannt gefühlt; und Das obwohl ich einen anstrengenden Tag hatte.
Sonnenuntergangsromantik

Tag Zwei begann mit einem kurzen Bad im See und nach dem Fühstück holte ich mein Rad aus dem Schuppen.
Nach dem ich das Rad belud, wollte ich meine nächste Etappe starten. Doch mein Hinterrad bewegte sich nicht mehr - kein Stück! Schnell war klr, dass die Nabe fest saß.

War dies das Ende meiner Tour, die Gestern so schön begonnen hat? Da die Nabe bewegte sich nicht mehr, so dass ich entschied, die Schnellspanner zu öffnen und den Weg zur nächsten Radwerkstatt so zurückzulegen. Diese hatte naürlich nicht geöffnet. Also fuhr ich weiter nach Joachimsthal. Dort fand ich einen kleinen Antiquitätenladen, der auch eine Fahrradwerkstatt hatte, weil der Besitzer früher leidenschaftlicher Radfahrer war.
Nach drei Stunden des gemeinsamen Schraubens gaben wir nach mehreren Versuchen auf.

Das Fahrrad kaputt! Muss ich abbrechen? Was bleibt übrig?

Vor dem Geschäft sah ich ein uraltes Herrenfahrrad. Das war meine Chance! Der Inhaber überließ mir das Rad zu einem Spottpreis und freute sich, dass sein alter Bock noch mal die Welt sieht. Mein Rad ließ ich bei ihm und versprach es abzuholen und ihm sein Fahrrad auch zurück zu bringen. Wehmütig sah mir der alte Mann hinterher, als ich mit "seinem" Rad davon fuhr. Schnell merkte ich, dass die Entwicklung der Fahrräder in den letzten 30 Jahren einen ziemlichen Schritt gemacht hatte, denn in so aufrechter Haltung, auf einem uralten Rad, bei dem auch nur drei Gänge halbwegs funktionieren ist schon anstrengender, als auf einem sportlichen Rad der Neuzeit. Der halbe Tag war um und ich hatte Zeit aufzuholen, also trat ich in die Pedale.

Kurz vor dem Wolletzsee machte ich noch eine kurze Pause an einem kleinen Cafe. Hier traf ich das wandernde Vater-Tochter-Gespann wieder. Belustigt über meine Geschichte mit dem Radtausch lachten sie, weil sie die Strecke wandernd in der gleichen Zeit zurücklegten.

Mein Weg führte am Ober- und Unteruckersee entlang. Hier konnte ich schon mein Ziel des Tages - Prenzlau - von Weitem über den See sehen.
Prenzlau in Sicht
Nach kurzer Ruhe im Hotel wurde Prenzlau am Abend erkundet. Als Angler war ich natürlich in einem Angelgeschäft und habe mich dort ausgetauscht. Wenn wir Angler nicht grad ungestört am Wasser sitzen wollen, sind wir ein ganz geselliges Völkchen.

Am nächsten Tag brach ich früh auf, da ein heißer Tag erwartet wurde und ich wusste, dass mein Weg überwiegend durch freie Fläche zwischen Feldern hindurchführt. Und ich wurde nicht enttäuscht, abgekocht durch die Sonne fuhr ich Kilometer um Kilometer ohne viel Schatten; der Fahrtwind glich einem Fön.

Und plötzlich, irgendwo im Nirgendwo mitten in der Pampa platze mein Hinterreifen. Tja, mein Fahrrad hatte Schnellspanner, das alte Rad hier nun Muttern. Auch der mitgenommene Schlauch war unpassend. So saß ich erstmal ratlos neben meinem alten Roß, das nächste Dorf 15km entfernt und sicher auch ohne Fahrradladen! So suchte in der Gewissheit, dass meine Tour nun doch beendet ist, die Telefonnummer des ADFC heraus. Plötzlich radelte ein älterer Herr auf seinem Elektrorad auf mich zu. Ich stoppte ihn und fragte, wo hier der nächste Radladen oder Baumarkt sei. Er bestätigte meine Befürchtung; zu weit weg, um das Rad dort hin zu schieben. In einem Geistesblitz fragte ich ihn, ob er nicht zufällig einen "Knochen" dabei hat. Hattee er! Ich bat ihn kurz zu warten und setzte nun den unpassenden Schlauch ein und pumpte ihn vorsichtig auf. Das funktionierte. Ich bedankte mich und fuhr nun etwas unrund und sehr langsam bis nach Pasewalk, wo es einen Baumarkt gab. Hier deckte ich mich mit Werkzeug und passenden Schläuchen und eine Luftpumpe ein. Auf dem glühend heißen Parkplatz machte ich das Rad wieder flott, stärkte mich und setzte meinen Weg fort.

Hier unter Menschen fiel mir auf, dass ich auf dem alten Rad, gekleidet in Radrennfahrerkluft für verwunderte Blicke erntete.
Windmühlen
Kilometer, die sich endlos ziehen, radelt man auf diesem Teilstück ab. Schön aber monoton geht es am Truppenübungsplatz Torgelow entlang.

Der besorgte Blick in den Himmel wurde mit Blick in die Wetter-App zur Gewissheit: Ein starkes Gewitter zieht auf! Egal, man ich bin da nicht so, also weiter. Auf Höhe der Holländerei holte mich das Wetter ein: Blitze, Donner und einsetzender Starkregen. Ich hielt an einem RAstplatz mit einer Überdachten Sitzgelegenheit. Tja, wenn der Regen von der Seite peitscht, dann nutzt das auch wenig! Debendran sah ich das Gebäude der freiwilligen Feuerwehr des Ortes. In der Hoffnung, mich dort besser unterstellen zu können, legte ich die 100 Meter durch den Regen zurück. Klatschnass war ich froh, dass dort Feuerwehrleute anwesend waren, weil sie bei dem Wetter sichere Einsätze erwarteten. Diese blieben aber aus und ich konnte Gastfreundschaft und interessante Gespräche erleben.

Nach dem sich das Wetter beruhigte und schnell aufklarte konnte ich meinen Weg - nun im Slalom durch abgefallene Äste - fortsetzen. Bei bestem Sonnenschein und Schäfchenwolken erreichte ich mein Ziel für diesen Tag - Ueckermünde!
Hungrig setzte ich mich am Hafen in ein kleines Restaurant auf einem Boot und freute mich auf eine frische Schlolle mit Bratkartoffeln. Während ich wartete konnte ich der Zubereitung meines Essens zusehen. Die vorbereiteten Bratkartoffeln in der Mikrowelle erhitzt und ein Tiefkühl-Fertigfilet in der Friteuse! Hmm, enttäuscht würgte ich das entsprechend schmeckende Mahl herunter. Als der Koch mich dann fragte, ob es geschmeckt hat, antwortete ich sarkastisch: "Bis jetzt ist es drinnen geblieben!". Daraus entwickelte sich ein Streitgespräch, in dem sich noch andere Gäste auf meine Seite stellten und ebenfalls die mangelnde Qualität beklagten.

Wie von einem Magneten angezogen, fand ich danach mit schlechtem Gefühl im Bauch meinen Weg zum Strand und blieb dort einige Zeit zum Ausruhen.
Strand in Ueckermüde
Ich dachte an die Erlebnisse der letzten Tage zurück und war dankbar, an diesem Punkt angekommen zu sein.
Der Abend zeigte mir, dass es auch wundervolle Restaurants in Ueckermünde gibt! Ich führ an der Ostseeküste entlang bis zu meinem Hotel und verbrachte die Zeit bis zum Sonnenuntergang an verschiedenen schönen Uferstellen.
Füße im Wasser
Am nächsten Morgen verhagelte der Blick aus dem Fenster die Morgenlaune: Regen und Wind. Ohne eine Wahl setzte ich meine Fahrt - in Regensachen - fort. Wegen dem Wetter - nein, eigentlich weil ich Fähren liebe - entschied ich mich, nach Usedom mir der Fähre überzusetzen. Wer mir an dieser Stelle Bequemlichkeit vorwirft, denke bitte an die Widrigkeiten der letzen Tage.
Die Überfahrt mit der Fähre war bei dem Sturm sehr schaukelig und ich war froh, dass ich nicht seekrank wurde. In der Fähre schwappte der Kaffe ständig über und einige Teller und Tassenb gingen zu Bruch, was der Kellner sehr gelassen nahm - das gehört wohl dazu.
Wind und Wellen
Mit der Fähre angekommen in Kamminke auf der Südseite von Usedom, wurde das Wetter wieder etwas besser.
FAhrrad in Kamminke
Zwischen mir und dem Ziel, der Ostseeküste von Usedom bei Ahlbeck, standen noch ein paar deftige STeigungen, die mit dem alten Fahrrad ohne adäquate Gangschaltung kaum zu bewältigen waren. Aber ich gab mir keine Blöße und trat im Stehen auf die Pedalen ein um im langsamen Gehtempo auf der Bergkuppe anzukommen, stetig begleitet von Rentnerpärchen die im gleichen Tempo den Berg bezwangen. Auch hier wieder irritierte Blicke , weil meine Kleidung micht wirklich zum Rad passte und sich die Frage aufwarf, warum ich nicht schiebe.
Oben angekommen mit blutgeschwollenen Oberschenkeln erstmal eine Pause; belohnt durch die Daumen-hoch-Geste der vorbeiziehenden Rentner.

Schließlich angekommen! Begrüßt durch die quirlige Strandpromenade suchte ich mein Weg ins Hotel.
Hotelfassade
Den Rest des Tages lief ich am Strand und der Promenade entlang und fand sogar Restaurants die nicht nur zur Touristenabzocke existierten, sondern auch tolles Essen zu fairen Preisen anboten. Ich hab ja Verständnis für Lage und Saisonbetrieb, aber sich manche erdreisten verärgerte mich.
Am Folgetag stand keine geplante Tour an und so fuhr ich die Küste von Zinnowitz (mit Fischbrötchen) bis nach Swinemünde (bester Kuchen) in Polen ab. Toll mit offenen Grenzen - es hat nicht nur kriminelle Nachteile.
Da es am nächsten Tag mit der Bahn zurück nach Berlin gehen wird, nutzte ich die verbeleibenden Stunden am Strand und spielte mit den Möwen, die mir schließlich dass Essen aus dem Mund abnahmen.
Standzugang
Gut geschlafen, die Heimreise steht an. Stolz und zufrieden freue ich mich auf meine Familie und die verrückte Geschichte meiner Radtour mit vielen Hindernissen erzählen zu können.
Bahnschienen
Gleich am nächsten Tag fuhr ich mit dem Auto nach Joachimsthal und brachte das alte Fahrrad im Tausch gegen mein defektes Rad zurück. Der Besitzer freute sich sehr und ich sah ihm an, dass er sich wehmütig an seine früheren Touren auf diesem alten Rad erinnerte.

Ich war auf jeden Fall absolut begeistert von der Radreise und konnte meine Frau überreden, diese Tour im nächsten Jahr - nun aber hin und zurück - zu fahren. Wer es nicht kennt - es ist unvorstellbar schön, die Landschaft weitestgehend fast alleine mit dem Rad zu erleben. Ohne Lärm, ohne Stau, ohne Pannen auch ohne Stress etwas gutes für die Seele und die Fitness tun!